Achtung Bier – jetzt kommen die Frauen!

Bier und Frau? Warum nicht. Gaby Gerber ist die erste weibliche Biersommelière der Schweiz. Sie hat den Hopfentrunk genauso gerne wie ein Mann. Und damit ist sie nicht allein.

Coopzeitung: Warum wird eine Frau Biersommelière?
Gaby Gerber: Ich trinke natürlich selbst gerne Bier. Ich beobachte, dass es vielen Frauen genauso geht wie mir und es wird immer selbstverständlicher, dass Frauen Bier trinken. Die Frauen meiner Generation sind selbstbewusster geworden. Diese Frauen möchte ich über meine Tätigkeit erreichen. Meine Ausbildung zur Biersommelière war für mich aber nicht in erster Linie eine Frage von Geschlechterklischees. Die Ausbildung zur Biersommelière hat mich einfach fachlich interessiert.

Aber das Bierimage ist natürlich sehr männlich.

Ganz klar. Dabei waren es ganz früher einmal die Frauen, die das Bier gebraut haben. Weil Bier historisch gesehen ein Nebenprodukt der Brotbäckerei war. Heute ist die Branche mehrheitlich in Männerhand.

Spüren Sie das?
Ich muss zum Beispiel manchmal erklären, warum mir Bier schmeckt. In der Brauerei Feldschlösschen verkosten wir in einem Team von 19 Leuten täglich verschiedene Biere. Unter diesen Personen sind fünf weibliche Mitarbeiterinnen.

Gibt es denn einen Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Biergenuss?
Grundsätzlich sind Frauen zum Beispiel probierfreudiger als Männer. Das gefällt mir.

Warum?
Ich würde gerne allen Bierliebhabern, Frauen wie Männern, vermitteln, dass Bier nicht gleich Bier ist. Wenn wir im Restaurant einen Wein bestellen, sagen wir ja auch nicht, «einen Wein bitte!» – sondern wir bestellen einen ganz bestimmten Wein. Die Unterschiede zwischen einem obergärigen Weizenbier, einem Lager, einem süffigen alkolholfreien und so weiter, sind so gross, dass wir von dieser grossen Biervielfalt auch profitieren sollten. Ein Biersommelier in guten Restaurants könnte genauso selbstverständlich sein wie ein Weinsommelier. Das wäre mein Ziel.

Welche Biere schmecken denn vor allem den Frauen?
Die Wahrnehmung des Biergeschmacks ist nach meiner Erfahrung nicht gleich wie bei Männern. Viele Frauen mögen keinen ausgeprägten «bierigen» Geschmack, sondern trinken gerne milde oder liebliche Biere. Das kann aber nicht allein an der Bitterkeit liegen. Denn Bitter Lemon und Campari werden auch von Frauen gerne getrunken. Grundsätzlich schmecken Frauen empfindlicher als Männer. Auch unser Eve ist so entstanden. Während der Entwicklungsphase sagte unser Chef, daran lasse er nur Frauen, und so war es. Das Eve wurde ausschliesslich von Frauen entwickelt.

Welche Biersorten empfehlen Sie zu welchem Essen?
Ein Amber passt gut zum Essen. Aber natürlich ist relevant, was genau aufgetischt wird. Zu einem hellen Gericht wie Fisch beispielsweise passt auch ein helles Bier. Zu Brot oder einem Wildgericht serviere ich gerne ein Amber oder ein dunkles Bier, zu einem Dessert passt eher ein herbes, helles Spezbier. Wenn man an einem Abend verschiedene Biere nacheinander trinkt, gilt die Regel: vom alkoholarmen zum alkoholhaltigen, vom weniger süssen zum süsseren, vom wenig vollmundigen zum vollmundigen Bier steigern.

Gaby Gerber:
Die Bierexpertin

Gaby Gerber (39) wuchs in einem von Frauen geführten KMU auf, das Edelbrände herstellt. Sie ist heute nicht nur Fachfrau für Bier, sondern auch Jurymitglied der Destillata, der grössten internationalen Edelbrandverkostung. Seit 14 Jahren ist sie bei der Brauerei Feldschlösschen angestellt. Ihre Ausbildung zur Biersommelière machte sie an der Brauakademie Doemens (D), diese beinhaltete unter anderem 100 Unterrichtseinheiten und 140 Bierproben. Gaby Gerber ist bei Feldschlösschen zuständig für das Standortmarketing der Brauerei in Rheinfelden.

 Die Biergeschichte
Sie ist auch weiblich

Man weiss sicher, dass es im alten Ägypten neben Bäckereien auch Brauereien gab. Und das bereits vor rund 5500 Jahren! Frauen waren am Biergenuss durchaus beteiligt und ein bierähnlicher, aus Brotteig gegorener Trank avancierte damals zum Nationalgetränk.

Lange Zeit war das Bierbrauen in Frauenhand, unter anderem, weil es so eng mit dem Brotbacken verbunden war. 1358 hiess eine der sieben Brauereien in Strassburg «Zur Bierfrouwen». 1439 gab es in Oxford mehr Frauen als Männer im Braugewerbe. Dann wurden sie jedoch bald aus diesen Berufen vertrieben. Ob Frauen Alkohol trinken durften, war gesellschaftlich nicht immer gleich legitim. Dennoch haben sich die Frauen wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt der Geschichte den Bier- und Weingenuss vorenthalten lassen. «Zu allem Unglück saufen die Damen hier noch mehr als die Mannsleute, und mein Sohn – der Regent – hat eine verfluchte Mätresse, das Mensch sauft wie ein Bürstenbinder», schrieb niemand Geringeres als Liselotte von der Pfalz 1699, die Gattin des Herzogs von Orléans, der Herzog war der Bruder von Ludwig XIV.

In der Geschichte hatte das nahrhafte Bier gerade für die ärmere Bevölkerung einen wichtigen Stellenwert, aus einem einfachen Grund: Es stillte auch den Hunger. Für viele Klöster wie St. Gallen hatte die Braukunst existenzielle Dimensionen, nicht nur, weil sich Nonnen und Mönche mit dem Biergenuss einen ihrer wenigen weltlichen Genüsse erlauben durften, sondern weil sie sich durch Brauen und Ausschank zusätzliche Einnahmen verdienten.

Quelle: coopzeitung.ch

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