Das Bierparadies hinter dem Schneitberg

Vor einem Jahr liess sich Urs Flunser (65) frühpensionieren, um sich seinem Hobby widmen zu können: Er betreibt im ländlichen Hagenbuch ZH eine Kleinbrauerei. Dort entstehen rund zwanzig Bierspezialitäten, die das Herz von Bierliebhabern höher schlagen lassen.

Ausgerechnet bei einem Schulpflegeausflug 2002 kam Urs Flunser aufs Bierbrauen: «Wir besuchten die Familie Reutimann in Unterstammheim, die Hopfen anbaut und daraus unter anderem Bier herstellt», erzählt er. «Das Brauen hat mein Interesse geweckt und ich habe mich erst mal gründlich in das Thema eingelesen.» Noch im selben Jahr erwarb er bei einem spezialisierten Händler in Wald ZH seine erste 20-Liter-Brauanlage und am 8. Dezember 2002 – das weiss er noch ganz genau – stellte er in seiner Garage den ersten Biersud her.

Auch die Rohstoffe für seine Biere bezieht Flunser alle in Wald: Obwohl Bier aus Getreide hergestellt wird, kann er dieses nicht einfach beim nächsten Bauern einkaufen. «Es muss gemälzt sein und dieser Keimungs- und Trocknungsvorgang ist so aufwendig, dass er hobbymässig nicht mit vernünftigem Aufwand zu realisieren ist», erklärt Flunser. «Zudem sind die Anlagen dafür teuer und man muss Lagerkapazität haben.» Fertig gemälztes Getreide hingegen ist relativ billig und weil es für verschiedene Biere unterschiedliches Malz braucht, lohnt es sich gleich doppelt, es fertig einzukaufen.

Lieber Brauen als Marketing 

Nach zwei Jahren stieg Flunser auf 70-Liter-Sudpfannen um, 2007 schliesslich auf 100-Liter-Pfannen. Das war auch der Moment, seine Hobbybrauerei zu «legalisieren». Er meldete sich bei der Eidgenössischen Zollverwaltung offiziell als «UG Bräu» an und erhielt die eidgenössische Braulizenz Nr. 281. Das U steht für seinen ersten Vornamen Urs und das G für den seltenen, zweiten: Gutbert. Inzwischen hat sich seine Produktion bei 1000 bis 1200 Litern pro Jahr eingependelt, die er vorwiegend im Kollegenkreis absetzt.

Oft mutieren aber auch Teilnehmer seiner Degustationen zu Stammkunden. Gelegentlich präsentiert er seine Produkte an Biermessen; Gastronomiebetriebe beliefert er (noch) keine: «Im Brauen bin ich besser als im Marketing …», sagt er trocken. Zudem sei Bierbrauen ja sein Hobby, er müsse damit nicht Geld verdienen. «Dafür will ich nur die Biere brauen, die ich selber mag!» Die Stichprobe zeigt: Damit trifft er auch den Geschmack anderer Biertrinker! Nur bei seinen beiden Söhnen stösst er mit seinen Bierspezialitäten nicht auf Begeisterung: «Beide trinken zwar Bier, doch sie schätzen gar nicht so, was ich alles mache», sagt er. «Der jüngere ist sogar überzeugter Fan eines grossen Massenproduktes.»

Beruf ist auch Hobby 

Dann ist er also gar nicht unbedingt als grosser Bierliebhaber aufs Brauen gekommen? «Doch, natürlich haben meine längeren Aufenthalte in den Bierländern England und Südafrika Spuren hinterlassen», räumt er ein. Nach einer Lehre als Maschinenzeichner ar­bei­te­te Flunser als Konstrukteur und perfektionierte später fast ein Jahr lang in England seine Sprachkenntnisse. Bevor er für seinen damaligen Arbeitgeber Bühler Uzwil für fünf Jahre nach Südafrika ging, bildete er sich zum Müllereitechniker weiter. Nach weiteren beruflichen Stationen kehrte er wieder zu Bühler zurück und da die Uzwiler Firma auch Mühlen für Brauereien herstellt, konnte Flunser in den letzten Jahren sogar Beruf und Hobby verbinden: So erhielt er Einblick in grosse, industrielle Brauereien in Afrika, Südamerika, Osteuropa und Messebesuche gaben ihm Gelegenheit zur «brauerischen» Horizonterweiterung. Einen direkten Einfluss auf die Produkte hatte dies aber nicht, denn er genoss schon zuvor in der Klein- und Heimbrauerszene den Ruf, «stilsichere, gute Biere» herzustellen. Das belegen die vielen aufgehängten Diplome, die er für seine Produkte erhielt.

Biere, die auch Frauen munden 

Urs Flunser bietet auch Braukurse und umfassende Bierdegustationen an. Dabei baut er bewusst immer Fremdprodukte ein – mal exklusive, mal banale: «Das ergibt jeweils ganz spannende Diskussionen», sagt er. Mit einem Schmunzeln schiebt er nach: «Und zum Schluss serviere ich oft ein ‹Geuze›, eine belgische Bierspezialität. Die hat nur eine bis zwei Personen auf hundert gern …»

Ein besonderes Anliegen sind ihm bei seinen Degustationen die Frauen: «Ich will auch ihnen etwas bieten, etwas herstellen, das sie mögen», sagt er. Zwar haben nicht wenige Frauen stark gehopfte Biere durchaus gerne, so seine Beobachtung, doch am liebsten trinken sie Frucht-, Weizen- und Maisbiere, «halt die leichteren und süffigen». Sehr beliebt sei «Weisse mit Schuss», eine Berliner Bierspezialität: «Mit Waldmeister- oder Himbeersirup gemischt ein idealer Sommerdurstlöscher!»

Wenn jemand zu einem runden Geburtstag oder zur Hochzeit sein «eigenes» Bier haben will, kann er von Urs Flunser das Gewünschte herstellen lassen oder bei ihm einen Braukurs besuchen: «Zuerst machen wir eine Degustation, um das Ziel zu bestimmen», erklärt er. «Dann wird gemeinsam gebraut. Die weiteren Arbeitsschritte und die Lagerung übernehme ich, am Schluss wird das Individualbier wieder gemeinsam abgefüllt und etikettiert.» Es sei denn, man wolle «sein» Bier gleich offen vom Fass ausschenken. Na denn: Prost!

Quelle: landbote.ch