Eine Kleinbasler Bier-Passion

Überall boomen Kleinbrauereien, die die gepflegte Bierkultur zelebrieren. Ein Kleinbasler stand am Anfang: Um sich vom Bierkartell zu befreien, begann er, sein Ueli-Bier zu brauen.

Wer weiss, ob es ein Wädenswiler Single-Malt-Bier gäbe, ob das Märzen und Weizen aus dem Berner Tramdepot oder die feinen Hausbiere der Surselva-Bräu, wenn sich nicht Hans Jakob Nidecker vor bald 40 Jahren ziemlich geärgert hätte? Die «Fischerstube», eine alte Kleinbasler Quartierbeiz an der Rheingasse in Nideckers Nachbarschaft, sah sich damals, 1974, vom sicheren Untergang bedroht, als der Arzt, Meister der Ehrengesellschaft zum Rebhaus und Retter der Klingental-Fähre eingriff und das Haus übernahm.

Die Verbundenheit zum eigenen Quartier, das hier mancherorts dörflich wirkt, ist im Kleinbasel unübertroffen, weshalb für den Kleinbasler Nidecker ausser Frage stand, dass in der Kleinbasler «Fischerstube» Kleinbasler Warteck – und nur Warteck – gezapft würde. Das mächtige Bierkartell freilich, das den Schweizer Markt eisern beherrschte, hatte der «Fischerstube» aus unerfindlichen Gründen Anker-Bier aus Frenkendorf zugeteilt und liess partout nicht mit sich reden. Nidecker beschloss kurzerhand, eigenes Kleinbasler Bier zu brauen. Am 13. November 1974 wurde das erste naturtrübe Ueli-Bier gezapft.

Tulpen statt Becher
Es war ein Entscheid voller Leidenschaft, Freiheitsdrang und Wagemut, denn niemand wäre zu dieser Zeit auf die absurde Idee gekommen, an den Grossen vorbei eine Kleinbrauerei zu eröffnen. Der Prozess verlief weltweit in entgegengesetzter Richtung: Kleinere Brauereien wurden von Konzernen geschluckt, die Vielfalt verschwand, Bier wurde zum charakterlosen Massenprodukt. Lohnen konnte sich die Ueli-Bier-Geschichte schon gar nicht, zumal Nidecker aus Liebe zum Bier eine aufwendige Bierkultur wiederbelebte und sein Produkt in schlanken Stangen und Tulpen-Gläsern statt in praktischen Bier-Bechern ausschenkte. Die Branche spottete, die Fasnacht nahm das Sujet des reformierten Pfarrersohns, der zum Bierbrauer wurde, dankbar auf. Doch nicht nur die Gäste kamen in Scharen, sondern zudem Journalisten aus halb Europa und Übersee, um über den sagenhaften Coup zu berichten.

Es ist die Geschichte eines Basler Mäzens, der aus Liebe zu seinem Quartier und dessen Bevölkerung ein Bijou rettete und ihm zu unprätentiösem Glanz verhalf. Und ganz beiläufig ist es die Geschichte von der sachten Renaissance der lokalen Braukunst, die hier ihren Anfang nahm und sich in den 1990er Jahren zum Boom entwickelte. Dutzende von Klein- und Kleinstbrauereien stellen heute ihre eigenen Spezialitäten her, mit denen das urbane Publikum in stylishen Bars anstösst.

Am Feiertag mit Rosmarin
In der «Fischerstube», die den Trend einst setzte, wird derweil weiterhin die unaufgeregte Bier-Passion gepflegt: Hier, wo schon 1977 das schweizweit erste offene Weizenbier gezapft wurde, frönt man der Brau-Lust. Jedes Jahr am «Vogel Gryff», den die Kleinbasler als höchsten Feiertag zelebrieren, wird dem Publikum eine neue und spezielle Sorte serviert – an einem einzigen Tag nur. Dieses Jahr entschied man sich für ein Rosmarin-Bier. Belächelt wird die «Fischerstube» längst nicht mehr, die heute von Nideckers Schwiegertochter Anita Treml geführt wird. Die besten Basler Lokale offerieren ihr Bier, und auch in der Zürcher Brasserie Federal wird es gern getrunken. Selbst in Basler Coop-Läden stehen Ueli-Sixpacks im Regal.

Am besten aber schmeckt ein Ueli-Bier noch immer in der alten «Fischerstube» – mit einem Wiener Schnitzel, Suure Lääberli oder einem Rinds-Tatar.

Quelle: nzz.ch

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