Heineken interessiert sich fürs Sudwerk

Der holländische Bier-Gigant Heineken hat das Bier der Pfäffiker Brauerei Sudwerk ins Sortiment aufgenommen. Dasselbe passierte beim Ittinger Klosterbräu – bevor es übernommen wurde.

Die Welt von Jerry Farrell dreht sich in rasantem Tempo. Fast genau ein Jahr ist es her, seit der Geschäftsführer der Pfäffiker Brauerei Sudwerk vom Detaillisten Coop erfuhr, dass sein Bier in Zukunft schweizweit in 220 Filialen verkauft werden soll. Seither kommt der Braumeister nicht zur Ruhe. Kontinuierlich nehmen neue Gaststätten und Getränkelieferanten seine Biere ins Sortiment auf, das Wachstum beträgt zurzeit monatlich 12 bis 18 Prozent. Parallel zur Suche nach neuen Verkaufskanälen hat Sudwerk die Standardpalette stetig erweitert, sodass heute vier Biere erhältlich sind. «Manchmal muss ich mich zwicken, um sicherzugehen, dass ich nicht träume», kommentiert Farrell. «Jeder Monat bringt neue Überraschungen mit sich.»

Ereignisse mit Parallelen

Eine solche Überraschung erlebte der Kalifornier vor einigen Tagen. «Heute haben wir eine grosse Bestellung erhalten, und morgen kommt ein Lastwagen von Heineken Schweiz, um Western ­Rider abzuholen. Die Welt ist manchmal seltsam.» Die Zeilen, die Jerry Farrell Anfang letzter Woche auf Facebook veröffentlichte, lassen aufhorchen. Hat der Multi-Milliarden-Konzern, der nebst der bekannten Eigenmarke auch die Rechte an Weltbieren wie Lapin Kulta, Fosters oder Amstel besitzt, ein Auge auf das Pfäffiker Brauhaus geworfen?

Jerry Farrell macht aus seinen Erwartungen keinen Hehl. «Die Bestellung von Heineken ist der Anfang von etwas Grossem», ist er sich sicher. Was das sein könnte, darüber will er lieber nicht spekulieren. Auch wenn die Ereignisse seine Fantasie beflügeln. Immer wieder kommt Farrell auf die Geschichte von ­Ittinger Klosterbräu zu sprechen. Eine Geschichte mit Parallelen. Wie auch die Sudwerk-Produkte gilt Ittinger als Premium-Bier. Und wie Sudwerk heute arbeiteten die Ostschweizer einst mit Heineken zusammen. Vor vier Jahren ­sicherte sich der holländische Konzern schliesslich Rezept und Markenrechte am Klosterbräu. Geschadet hat das ­Engagement nicht. Heute ist Ittinger im Markt stärker etabliert denn je.

Akquise strategisch sinnvoll

Die Übernahme von Sudwerk durch Heineken ist heute noch reine Spekulation. Klar ist einzig, dass sich die Anzeichen mehren. Und dass Jerry Farrell nicht abgeneigt wäre, den Schritt zu gehen. «Jede Firma hat ihren Preis», sagt er. «Ausserdem bin ich nicht Brauer ­geworden, um unabhängig zu sein, ­sondern um ein gutes Bier zu machen. Meine Absicht muss sein, den Fort­bestand der Firma sicherzustellen. Und wenn ich das schaffe, habe ich mein Ziel erreicht.» Schriftlich liegt bislang nichts vor. Doch Farrell scheint weniger zu ­sagen, als er weiss.

Strategisch würde eine Akquise Sinn machen. Dank Coop haben die Sudwerk-Biere schweizweit eine gewisse Bekanntheit erlangt. Heineken verfügt ausserdem über keine Konkurrenzprodukte in seiner Palette. «Heineken kauft fehlende Produktarten in der ­Regel dazu», weiss Farrell. «Gut denkbar, dass sie jetzt in die Sparte ‹Ober­gärige Biere› investieren wollen.»

Automatisierung hält Einzug

Viel Zeit, um sich über einen möglichen Deal Gedanken zu machen, hat Farrell nicht. Wie gewohnt überschlagen sich in seiner Brauerei die Ereignisse. Gestern kam die Bestätigung, dass die Sudwerk-Biere in den Bars und Restaurants der Schweizer Marriott-Hotels ausgeschenkt werden sollen. Rund 50 Restaurants ­beliefert Sudwerk bereits. Hinter dem breiten Absatzmarkt steckt eine Diversifikationsstrategie. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, weniger von Coop abhängig zu sein», sagt Farrell. Gesagt, getan. Als das Coop-Geschäft im Juli 2011 zustande kam, betrug der Absatz-Anteil des Detaillisten gegen 80 Prozent. Heute sind es weniger als 50 Prozent. Geschafft hat Sudwerk das durch Wachstum.

Dieses Wachstum ist es denn auch, das Farrell zwingt, 150 000 Franken in die Beschaffung einer automatischen Abfüllanlage zu investieren. Anfang Juni soll die Apparatur installiert werden. Sie wird es Sudwerk ermöglichen, die Kapazität der Sudkessel voll auszuschöpfen. «Damit können wir statt täglich 3500 bald 6000 Flaschen abfüllen», sagt Farrell begeistert. «Und ich kann mich stärker dem Brauen widmen.» Fraglich bleibt, wie sicher der Standort Pfäffikon ist, wenn das Wachstum von Sudwerk sich in diesem Tempo fortsetzt. Oder wenn plötzlich ein Manager von Heineken an der Tür steht.

Quelle: zol.ch

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