Kein Grund zum Anstossen

Das Gurten-Bier wird 150 Jahre alt. Doch gefeiert wird der Geburtstag kaum, denn das würde zu sehr daran erinnern, dass das einstige Berner Bier heute im Aargau bei Feldschlösschen gebraut wird.

Seit wann ist der Bär in Berns Wappen? Seit wann werden in der Stadt Bern Bären gehalten? Und wann wurde der erste Bärengraben angelegt? Die Marketingleute haben sich alle Mühe gegeben, auf den Gurten-Bier-Untersätzen einen Bezug zur Bundesstadt herzustellen. Ein Bär prangt auch auf der Gurten-Bier-Flasche. Und die Biermarke ist ein Sponsor des Bärenparks.

Doch was in der Flasche ist, hat seit 17 Jahren nichts mehr mit Bern zu tun. Denn seit 1997 wird das Bier nicht mehr in Wabern am Fusse des Gurtens gebraut, sondern im aargauischen Rheinfelden, beim Schweizer Brauriesen Feldschlösschen. Es ist nicht das einzige lokale Bier mit diesem Schicksal: Auch die Brauereien Cardinal in Freiburg, Hürlimann in Zürich und Warteck in Basel wurden von Feldschlösschen übernommen und geschlossen. Und wie beim Gurten-Bier braut Feldschlösschen die drei Biere heute in Rheinfelden und vermarktet sie von dort aus mit viel vorgegaukeltem Lokalkolorit. Gleich erging es dem Winterthurer Haldengut – mit dem Unterschied, dass es nicht von Feldschlösschen, sondern von Heineken Switzerland übernommen wurde und heute bei Calanda in Chur gebraut wird. Und das Liestaler Ziegelhof wird heute bei Eichhof in Luzern produziert – in einer Brauerei, die mittlerweile ebenfalls Heineken Switzerland gehört.

Nur Egger-Bier ist noch älter

Würde das Gurten-Bier heute noch in Wabern gebraut, handelte es sich bei der Brauerei um die zweitälteste im Kanton Bern. Egger in Worb ist noch ein Jahr älter – das Familienunternehmen feierte vergangenes Jahr den 150. Geburtstag. Etwas jünger sind Rugenbräu in Matten bei Interlaken mit Jahrgang 1866 und die Berner Felsenau mit Jahrgang 1881 – beide ebenfalls Familienbetriebe und deshalb auch heute noch eigenständig.

Obwohl auch die Gurten-Brauerei als Familienunternehmen begann, endete ihre Unabhängigkeit bereits 1970, als Feldschlösschen die Aktienmehrheit übernahm (siehe kleinen Text). Am 29. Oktober 1996 schloss die Brauerei in Wabern ihre Tore für immer. 2005 wurde die Gurten Bier AG aus dem Handelsregister gelöscht, 2012 liess der neue Besitzer einen Teil der Brauerei abreissen, um Platz zu schaffen für die Überbauung namens Quellfrisch. 99 Eigentumswohnungen sind im lang gezogenen Gebäude untergebracht, 98 davon sind laut dem Immobilien-Dienstleister Privera bereits verkauft. Derzeit ziehen die ersten Quellfrisch-Bewohner ein.

Marketing auf Sparflamme

Trotzdem: In bernischen Beizen ist das Gurten-Bier immer noch zu haben – in der Standardversion als Gurten Lager und als «hopfiges, vollmundiges» Spezialbier unter dem Namen Gurten Bäregold. Freilich kommt es heute nicht mehr aus Wabern, und es besteht auch nicht mehr aus Gurten-Quellwasser. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Feldschlösschen das Jubiläum nicht nutzt, um die Werbetrommel zu rühren: Dies würde die Entwurzelung des Gurten-Biers thematisieren, die so gar nicht zum aktuellen Lokalbier-Trend passt.

Feldschlösschen pflegt die Marke jedoch auf kleiner Flamme weiter, um im Kanton Bern nicht noch weitere Marktanteile an die lokale Konkurrenz oder an Importbiere zu verlieren. Wie viel Gurten-Bier verkauft wird, will das Unternehmen nicht bekannt geben. Laut Feldschlösschen-Sprecherin Gaby Gerber ist das Bier in 500 Restaurants, Bars und Geschäften zu haben. Neben den erwähnten Karton-Bieruntersätzen erhalten die Abnehmer einen Gurten-Bier-Kalender. «Weitere Aktivitäten sind noch in Planung», teilt die Feldschlösschen-Sprecherin mit.

Osterschoppen für Auserwählte

Einmal pro Jahr markieren Feldschlösschen und Gurten-Bier zudem mit dem «Osterschoppen» in Bern Präsenz. Am Anlass im Kursaal nehmen 700 «auserwählte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur aus der Region Bern» teil. Laut der Feldschlösschen-Sprecherin ist es «einer der wichtigsten gesellschaftlichen Anlässe in Bern». Weshalb, das geht aus dem letztjährigen Communiqué nicht hervor. Dafür wurde der bierselige Anlass in Altherren- Manier beschrieben: «Nicht zu vergessen sind die zwölf Miss-Bern-Finalistinnen, die den Gästen das erste Bier des Abends ausschenkten und durch ihre Anwesenheit dazu beitrugen, dass das weibliche Geschlecht gebührend vertreten war.»

Seit dem Jahr 2000 ist Feldschlösschen selbst eine Tochtergesellschaft. Der Schweizer Marktführer ging damals an den dänischen Carlsberg-Konzern über, den viertgrössten Bierproduzenten der Welt. Das börsenkotierte Unternehmen erzielte 2012 einen Umsatz von umgerechnet 11 Milliarden Franken. Carlsberg ist laut eigenen Angaben in mindestens zwölf weiteren Ländern Marktführer. Die Schweizer Tochter Feldschlösschen ist nur eine kleine Abteilung. Eine Abteilung, die je nach Strategie und Rendite eine Biermarke aus dem Portfolio streichen würde, sollte sie nicht mehr ins Sortiment passen.

Vom Gurten nach Rheinfelden

Jungunternehmer würde man ihn heute nennen, den Bauernsohn und gelernten Bierbrauer Johann Juker. Mit 23 Jahren kauft er das Steingruben-Areal oberhalb von Wabern, um darauf eine Brauerei zu bauen. Zwei Jahre später, man schreibt das Jahr 1864, schenkt er sein erstes Bier aus.

Die Brauerei Juker, wie sie zu Beginn heisst, kann im Gurten-Sandstein Lagerkeller einrichten, in denen das Bier das ganze Jahr über mit Eisblöcken gekühlt wird. 1892 wird die erste Eismaschine in Betrieb genommen. Ab 1901 fährt quasi vor den Toren der Brauerei die Gürbetalbahn, was dem Unternehmen zu weiterem Aufschwung verhilft.

Im Jahr 1914 werden fast 50’000 Hektoliter (5 Millionen Liter) Gurten-Bier gebraut. Während der folgenden Kriegsperioden muss sich das Unternehmen jedoch mit dem Dörren von Früchten und Kartoffeln über Wasser halten – und mit einer Schweinezucht, wie es auf der Internetseite der Gurten-Areal-Überbauung heisst. 1937 entwickelt die Brauerei ihr alkoholfreies Bier namens EX.

1969 – der Konzentrationsprozess in der Schweizer Bierbranche läuft an – übernimmt Gurten-Bier die Brauerei Gassner am Aareufer des Berner Lorrainequartiers. Die Brauerei wird stillgelegt, der schmucke Backstein-Komplex steht aber noch heute.

1970 verliert die Gurten-Brauerei ihre Eigenständigkeit: Feldschlösschen übernimmt die Aktienmehrheit. 1992 wird der Produktions-Höhepunkt erreicht: 240’000 Hektoliter Gurten-Bier verlassen die Brauerei. Zum Vergleich: Rugenbräu, heute die grösste Brauerei im Kanton Bern, hatte 2013 einen Ausstoss von 40’000 Hektoliter. 1996 beschliesst Feldschlösschen jedoch, die Gurten-Brauerei per Ende Oktober zu schliessen und die Produktion zwecks Effizienzsteigerung nach Rheinfelden zu verlegen (und während einiger Jahre zusätzlich nach Freiburg zu Cardinal). In Wabern gehen rund 150 Stellen verloren.

Genau zehn Jahre länger als Johann Jukers Brauerei in Wabern existierte das ebenfalls von ihm eröffnete Restaurant zum Untern Juker an der Kramgasse 49/Münstergasse 44. Dabei handelt es sich um jenes Haus in der Berner Altstadt, das Albert Einstein 1903 bis 1905 bewohnte. Gut möglich, dass auch er sich hin und wieder im Untern Juker ein Gurten-Bier gegönnt hat. Ende 2006 schloss das Lokal seine Türen; vor drei Jahren nahm an seiner Stelle das Café Einstein den Betrieb auf.

Quelle: derbund.ch