Neues Bier mit Mandarinenaroma – Hopfenzüchtungen statt Sirupmischungen

Um Bier attraktiver zu machen, experimentieren immer öfter auch deutsche Brauer mit neuen Geschmacksrichtungen. Dafür wurden nun in Bayern Hopfensorten gezüchtet, die ungewohnte fruchtige Aromen beisteuern.

Die Hopfendolde sieht noch ganz normal aus. Doch wenn man sie aufbricht und die kleinen gelben Lupulinkügelchen im Inneren aneinander reibt, dann steigt einem ein für diese Pflanze doch ungewöhnlicher Duft in die Nase. Einmal ist er eindeutig zitrusartig, dann eher fruchtig-erfrischend wie bei einem Bonbon und beim letzten Versuch auch sehr süsslich-blumig, ähnlich wie eine frisch aufgeschnittene Melone.

Neuartige Aromen

Was Züchter Anton Lutz vom Hopfenforschungszentrum im oberbayrischen Hüll in seinen Körbchen hütet, sind ganz neue sogenannte «Flavor-Hops». Gemeint sind damit Hopfensorten, die ein völlig neuartiges Aroma enthalten. Da der Trend zu neuen Biergeschmackssorten aus den USA kommt, stammt auch der Name für solche Hopfensorten von dort. Doch die uns nun vorgeführten neuen Pflanzenvarianten wurden alle in Hüll entwickelt.

Allerdings haben sich die dortigen Forscher für die Neuzüchtungen bei Elternpflanzen beidseits des Atlantiks bedient. So vererbten klassische Hopfensorten aus Mitteleuropa dem Nachwuchs sowohl das Biertrinkern bekannte würzige Hopfenaroma als auch die Resistenz gegen diverse Krankheiten. Amerikanische Wildhopfensorten steuerten die neuartigen Aromen bei.

Und offenbar treffen diese ganz traditionell gezüchteten Hopfensorten den Nerv der Zeit. «Normalerweise dauert es Jahre, bis man eine neue Züchtung so weit hat, dass sie auf den Markt kommt und auch dort gekauft wird», erläutert Lutz bei einem Rundgang durch die Hüller Gewächshäuser. Hunderte von kleinen Hopfenpflänzchen warten hier darauf, dass sie nun bald ins Freie dürfen. «Doch als wir in Brauerkreisen von den 2006 begonnenen Arbeiten erzählten und dann 2011 erste kleine Mengen ausgeben konnten, rannte man uns fast die Türen ein.» Notabene obwohl noch sehr wenig Erfahrungen mit den neuen Hopfensorten punkto idealer Anbaubedingungen oder optimaler Brauprozesse vorliegen.

Erste Präsentationen von Bieren, die mit den neuen Hüller Flavor-Hops gebraut worden seien, hätten in den letzten Wochen grosse Zustimmung auf Messen geerntet, berichtet Elisabeth Seigner, die Leiterin der Hüller Hopfenforschung. Vor allem amerikanische Interessenten, aber auch einige heimische Brauer seien begeistert gewesen. Nun wurden in Hüll den Herbst und Winter über vier neue Flavor-Hops-Sorten kräftig vermehrt, so dass nun damit 40 Hektaren bestückt werden können. Die erwartete Ernte sei fast schon völlig reserviert, freut sich Lutz.

Vor allem experimentierfreudige Kleinbrauer beidseits des Atlantiks hoffen dank den neuen Hopfensorten auf trendige Biergeschmacksrichtungen und damit auch auf neue Kunden. Schliesslich steht überall das traditionsreiche Bier als Getränk nicht mehr so hoch im Kurs. Bier, das mit Flavor-Hops gebraut wird, soll nun eine Alternative zu Mischgetränken werden.

Gewöhnungsbedürftig

Bayrische Brauer können zudem damit werben, dass ihre Biere mit neuen Flavor-Hops ebenso dem jahrhundertealten Reinheitsgebot entsprechen wie das klassische Helle – und trotzdem völlig anders schmecken. Denn das zum Beispiel mit dem zitrusartig riechenden Hopfen gebraute Bier weist schon von Natur aus, ohne eine Zugabe von Sirup oder naturidentischen Aromastoffen, einen fruchtig-mandarinenartigen Geschmack auf.

Der ist für bayrische oder auch sonstige europäische Zungen witzig-interessant, aber durchaus gewöhnungsbedürftig. Allerdings enthalten diese neuen Biere deutlich mehr Hopfen als die klassischen deutschen Sorten, so dass manchem vielleicht auch wenig Bier schneller zu Kopf steigt. Aber vermutlich würde man sowieso nicht eine Mass (also einen Liter) Bier mit Mandarinengeschmack konsumieren.

Quelle: nzz.ch

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