Was haben Wirte gegen Freiämter Bier?

In der Schweiz gibt es inzwischen immerhin 301 Bierbrauereien und 1000 Biermarken; vor zehn Jahren waren es erst 100. Die klassischen Schweizer Biermarken, die internationalen Konzernen gehören, verlieren.

Ein warmer Sonnentag – und es riecht weihnächtlich in der Brauerei Lindenbergbräu in Buttwil. «Wir brauen jetzt das Weihnachtsbier», lacht Tina Wettstein. Sie und ihr Mann Robert haben vor gut drei Jahren in der alten Käserei eine eigene Brauerei eingerichtet. Sie bieten sechs verschiedene, zum Teil saisonale Biere an. Die AZ wollte von ihnen wissen, ob es stimmt, dass regionale Biere auf einer eigentlichen Erfolgswelle reiten.

Stimmt es, dass regionale Biere boomen?

Robert Wettstein: Regionale Biere sind beliebt, das stimmt. Auch bei uns wächst der Absatz, langsam aber stetig. In den letzten drei Jahren haben wir rund 50 000 Liter Bier gebraut.

Weshalb dieser Erfolg?

Tina Wettstein: Vielen Konsumenten ist das industriell hergestellte Bier langweilig geworden. Oder sie entdecken dank den kleinen Brauereien oder dank Importbieren, dass es eigentlich eine grosse Biervielfalt gibt. Sie merken, es lohnt sich, Spezialitäten auszuprobieren. Unsere Kunden sind Genusstrinker.

Wie wirkt sich das konkret auf die Brauerei Lindenberg aus?

Robert Wettstein: Einerseits wächst der Umsatz, wie bereits erwähnt, langsam, aber stetig. Andererseits können wir zunehmend an Anlässen präsent sein. Beliebt sind auch unsere Brauseminare oder die Brauereibesichtigungen mit Degustation. Gerade eben hat sich der Gewerbeverein Muri angemeldet.

Tina Wettstein: Was mich schmerzt, ist das mangelnde Interesse der Freiämter Wirte am regionalen Bier.

Die Wirte haben kein Interesse am regionalen Bier?

Tina Wettstein: Wir können unser Bier bisher nur in wenige Restaurants liefern. Am Preis kann es nicht liegen, und an der Qualität des Biers auch nicht. Wir verstehen diese Zurückhaltung nicht, es ist doch für einen Wirt attraktiv, eine einheimische Spezialität anbieten zu können.

Robert Wettstein: In Belgien, einem Land mit hoher Bierkultur, gibt es in den Restaurants jeweils zahlreiche Biersorten. Das macht den Biergenuss vielfältig und interessant.

Sie wollen in den Restaurants gegen die Grossen antreten?

Robert Wettstein (lacht): Nein, das wollen und können wir nicht. Aber wir möchten präsent sein und dass der Wirt dem Gast, der das wünscht, ein regionales Bier anbieten kann. Die Nachfrage wäre da, davon sind wir überzeugt. Man müsste das Angebot nur machen. Es liegt natürlich auch am Gast, im Restaurant nicht mehr nur ein Behältnis, eine Stange, zu bestellen, sondern nach regionalen Bieren zu fragen. Aber der Weg dahin ist noch weit. Noch gibt es kaum Bierkarten als Pendant zur Weinkarte. Regional produziertes Bier ist schliesslich ein Stück Heimat. Es macht auch ökologisch keinen Sinn, Spezialbiere aus dem Ausland Hunderte von Kilometern heranzuschaffen.

Und weshalb machen die Wirte das Angebot nicht?

Tina Wettstein: Das haben wir die Wirte auch schon gefragt, aber keine konkreten Antworten erhalten. Vielleicht aus Gedankenlosigkeit. Oder aus Bequemlichkeit, weil der Getränkehändler einfach im gewohnten Rahmen liefert. Aber Letzteres kann es eigentlich nicht sein, die gleiche Bequemlichkeit kann der Wirt auch dann haben, wenn er beispielsweise Bier von uns anbietet.

Robert Wettstein: Viele berufen sich auf vertragliche Verpflichtungen, die sie mit Feldschlösschen, Eichhof und Co. eingegangen seien. Aber das Bierkartell wurde ja bereits 1992 aufgehoben, der Wirt ist eigentlich frei, neben seiner Hauptmarke auch eine regionale Spezialität anzubieten.

Aber die grossen Brauereien haben anscheinend andere Wege gefunden, die Wirte finanziell langfristig an ihre Biermarken zu binden. Dies wird immer wieder von der Wettbewerbskommission beanstandet. Vielleicht liegt es aber auch am Freiamt, Kleinbrauer aus anderen Gegenden, die wir kennen, machen diese Erfahrung weniger.

Der Neuem gegenüber zurückhaltende Freiämter?

Robert Wettstein: Ich weiss es nicht. Aber es ist doch erstaunlich, dass wir nicht einmal bei einem Anlass der Gemeinde mit unserem Bier zum Zuge kommen. Bei einem Apéro der Gemeinde könnte doch auch unser Bier angeboten werden und nicht nur ein Glas Weisswein. Wir sind hier ja kein Weingebiet, und nicht viele Gemeinden können auf eine eigene Brauerei hinweisen.

Tina Wettstein: Tatsache ist, dass unser Kundenstamm in Buttwil selber sehr klein ist. Nicht einmal die einzige Dorfbeiz in Buttwil führt unser Bier. Unsere Kunden kommen aus der grösseren Region, auch aus dem nahen Züribiet. Die Vergrösserung unserer Kundenzahl geschieht durch Mundpropaganda. Kürzlich hat ein Deutscher, der im Freiamt zufällig auf unser Bier gestossen ist, für 200 Franken Bier mit nach Deutschland – einem Bierland – genommen. Oder da war die Aussage eines Münchners, der im «Ochsen» Muri unser Weizenbier getrunken hat: Ein so gutes Weizenbier gäbe es in München nicht! Das hat uns schon enorm gefreut.

Werden die Betriebe der Kleinbrauer weiterwachsen?

Robert Wettstein: Ja, ich denke schon. Wir sind beispielsweise noch nicht an unserer Kapazitätsgrenze. Wir wollen auch nicht gross werden, sondern streben eine langsame, aber beständige Entwicklung an. Wer glaubt, mit einem Brauset und einem Kurs schnell und erfolgreich ein Bier auf den Markt werfen zu können, wird auf die Welt kommen. Auch in diesem Geschäft braucht es Können, Einsatz, Durchhaltewillen und natürlich eine Portion Glück, um bestehen zu können.

Tina Wettstein: Die Bierkultur in der Schweiz steckt immer noch in den Kinderschuhen. Aber das wird sich ändern. Das Bewusstsein für gutes Bier und für Bierspezialitäten wird weiter steigen, und das ist positiv für die Kleinbrauer. Wir gehen zuversichtlich in die Zukunft.

Quelle: a-z.ch

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