Wie die Frau zum Bierbrauen kam

Der neueste Rundgang des Vereins Frauenstadtrundgang heisst «Spyys und Drangg». Er bietet eine historische Sicht auf Ess- und Trinkkultur in Basel. Kulinarische Anekdoten werden mit Geschlechtergeschichte gewürzt.

Es gibt immer weniger Menschen in Basel, die noch gesehen haben, wie während des Zweiten Weltkrieges Kartoffeln im Kreuzgarten des Münsters angebaut wurden. Und keiner lebt mehr von denen, die an der Hochzeit von Samuel und Jenny Burckhardt Schildkrötensuppe und Lachs aus dem Rhein gegessen haben. Das ist aber nicht so schlimm, seit einige Aktivmitglieder des Vereins Frauenstadtrundgang eine abwechslungsreiche Führung durch Basel erarbeitet haben.

Verteilt auf fast zehn Posten gibt es Näheres über Basler Essgewohnheiten, Nahrungsmittelproduktion und die Personen, die damit zu tun hatten, zu erfahren. Das Mittelalter und die frühe Neuzeit stehen im Mittelpunkt. Immer beachtet wird dabei die epochenspezifische Rolle der Frauen. Der Rundgang möchte die Frauen dort sichtbar machen, wo sie meist verborgen bleiben. Beim Bierbrauen oder als «Ladentöchter». Viele Frauen haben Funktionen übernommen, die vor einigen hundert Jahren eigentlich Männersache waren. Und vor einigen hundert Jahren haben Frauen Jobs erledigt, die der landläufigen Meinung nach nie von Frauen erledigt wurden.

Frauenstadtrundgang

Der Verein Frauenstadtrundgang wurde zu Beginn der 90er-Jahre gegründet. Im Rahmen der Geschlechterforschung der Uni Basel wurde ein erster Rundgang durchgeführt. Auf unterhaltsame Art und Weise sollten auch einem breiteren Publikum Ergebnisse der Gender Studies nähergebracht werden. Seither hat es verschiedenste historische Stadtführungen gegeben, die alle in irgendwie mit Frauen zu tun haben. In der Öffentlichkeit wurde insbesondere der Rundgang zur Hexenverfolgung im Basel des 16. und 17. Jahrhunderts breit zur Kenntnis genommen. Er wird nach einigen Jahren Laufzeit auch 2011 noch angeboten.

Mittagstisch?

Der «Spyys und Drangg»-Rundgang wird von einigen Studentinnen geleitet. Neben historischem Bildmaterial und den Plätzen und Gässlein der Innerstadt bieten szenische Einlagen eine stimmungsvolle Untermalung. Besonders spannend sind die Ausführungen über die Essenskultur während der Industrialisierung: So erhielten Fabrikarbeiterinnen eine halbe Stunde mehr Mittagspause, damit sie ihre Familie bekochen konnten.

Leisi-Werbung von damals

Dass Kochen, Essen und Trinken eine völlig neue Entfaltung erleben, ist keine weit zurückliegende Entwicklung. Erst seit die Nahrungsmittelpreise gesunken sind und ihre Verfügbarkeit selbstverständlich wurde, hat sich die Rolle der Hausfrau entwickelt. So wurde denn in Basel der Fertigteig erfunden, damit die Frauen ihrem männlichen Schleckmaul auch jede Woche seinen Lieblingskuchen auftischen konnten. So suggeriert jedenfalls eine Werbung des Kuchenteigherstellers Leisi. Aber das ist ja nun auch schon einige Jahre her und wird auf dem Stadtrundgang gewiss aus einer historischen Perspektive betrachtet.

Stadtrundgang «Spyys und Drangg» des Vereins Frauenstadtrundgang. Noch bis Oktober.

Quelle: basellandschaftlichezeitung.ch | frauenstadtrundgang-basel.ch

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